„Die Vision unserer Arbeit ist, palästinensische Frauen und Kindern zu schützen. Das erscheint mir wichtig, dazu möchte ich beitragen. Das habe ich geantwortet, als ich zum ersten Mal gefragt wurde, warum ich bei Sawa arbeite“, erklärt Dr. Tamer. Er ist Teil des Teams der telefonischen Helpline 164, die 24 Stunden an jedem Tag der Woche erreichbar ist.
„Wenn ich in der täglichen Arbeit erlebe, wie nah die Arbeit von Sawa den Menschen in Gaza ist, gibt mir das noch mehr Motivation“, erklärt er. „Bei Sawa geht es um die Förderung von Gesundheit ebenso wie um psychologische Erste Hilfe.“ Diese beiden Bereiche als Arzt stets gemeinsam zu denken ist ein Merkmal, das ihn von anderen Ärzten unterscheidet.
Sein Arztzimmer ist gleich beim Eingang des Sawa-Büros. Hier nimmt er Anrufe zu medizinischen Fragen entgegen. Er erklärt, wie körperliche Symptome gelindert werden können und welche Alternativen es gibt, wenn Medikamente nicht verfügbar sind.
Den Gang entlang, gleich nach seinem Arztzimmer, befindet sich ein schlichter, schallisolierter Raum. Er ist nicht groß, bietet aber genug Platz für acht nebeneinander angeordnete Kabinen, in denen Helpline Mitarbeiter:innen Anrufe entgegennehmen.
Ununterbrochen klingeln hier die Telefone, die Hotline von Sawa ist in Gaza sehr bekannt. Lama, eine der Mitarbeiterinnen, erklärt: „Es geht gar nicht anders als mich als ein wichtiger Teil der Arbeit von Sawa zu fühlen. Wenn Menschen anrufen und fragen, wo sie materielle Hilfe erhalten können, versorge ich sie mit Informationen, Telefonnummern oder auch Links zur Registrierung für Ansuchen.“ Die Anrufenden können sich darauf verlassen, dass Sawa sie entsprechend ihren Bedürfnissen an zuverlässige humanitäre Organisationen weiterleitet.
„Wenn viel los ist und ein Anruf dem anderen folgt, empfinde ich keinen Stress, sondern Erleichterung“, erklärt Lama. So wisse sie, dass die Menschen zumindest in der Lage seien anzurufen, dass sie am Leben sind, nicht neuerlich vertrieben wurden – und sie ihnen helfen kann. Wenn es still wird hingegen, werden die Teammitglieder der Helpline unruhig und besorgt. Dann können sie nicht anders, als die Nachrichten zu verfolgen. Denn diese haben stets einen Bezug zu ihren Anrufen.
In den Anrufen geht es auch um sehr schwierige Themen. Von geschlechtsbasierter Gewalt, von Selbstmordgedanken, von der Ohnmacht von Eltern, die nicht wissen, wie sie ihre Kinder ernähren können. „Am schwierigsten sind die Anrufe, wenn Menschen zum Ausdruck bringen, dass sie es nicht mehr aushalten können. Dass sie keine Hoffnung mehr haben, nachdem der israelische Militärangriff auf den Gazastreifen schon so lange andauert“, erklärt Amal, eine Beraterin, die telefonisch psychosoziale Hilfe leistet.
Amal bietet psychologische Erste Hilfe, erkennt die Gefühle der Anrufer:innen an und lässt ihr gegenüber genau zum Ausdruck bringen, woher diese Emotionen stammen und was sie in diesem Moment auslösen. „Es gab schon früher Kriege. Auch wenn jeder Krieg anders ist, haben sie alle gemeinsam: Sie sind alle zu Ende gegangen. Auch dieser Krieg wird enden.“ Und das ist eine der wenigen Gewissheiten, mit denen die Beratenden den Anrufer:innen Mut machen können: dass nichts ewig währt und dass sich ihre Lebensumstände jeden Moment ändern können. Immer wieder wird daran erinnert, dass alles auf dieser Welt ein Ende hat, auch der Schmerz.
Unter 164 bringen Menschen ihren tiefsten Schmerz und ihre größte Trauer zum Ausdruck. Die Helpline bietet ein offenes Ohr, wo es gebraucht wird – und wo ein einziges Wort den entscheidenden Unterschied machen kann.
