Issa Said (links) ist vor fünf Jahren mit seiner Familie aus der Kriegsregion Cabo Delgado geflohen. Islamistische Milizen hatten sein Dorf angegriffen und viele Menschen dort getötet.
Meisterhaft integriert
Im Norden von Mosambik unterstützt eine Partnerorganisation von Brot für die Welt Geflüchtete aus der Krisenregion Cabo Delgado dabei, ein Handwerk zu erlernen. Die Hilfe kommt auch den Menschen vor Ort zugute. So trägt das Projekt zum friedlichen Miteinander und zur Integration bei.
Ein Knopfdruck, und die Kreissäge heult auf. Schreinermeister Issa Said schiebt langsam ein Brett in die surrende Maschine. Sägespäne wirbeln durch die Luft, es riecht nach frischem Holz. Said hebt den Kopf, blickt zu den acht jungen Männern und zwei jungen Frauen, die im Halbkreis um ihn stehen – und entdeckt dahinter plötzlich seine Tochter Sifa. Sie läuft auf ihn zu, hinein in den Lärm, hängt sich an sein Bein und lässt nicht mehr los. Der 43-Jährige schaltet die Säge aus und hebt die Sechsjährige auf den Arm. „Wir üben später weiter“, sagt er zu seinen Lehrlingen. Seine Tochter ist jetzt wichtiger. Sie braucht ihn.
Am Tag zuvor ist Sifa endlich zu ihm gekommen – aus der Krisenregion Cabo Delgado im Norden von Mosambik. Dort lebte sie bei ihrer Mutter, Saids Ex-Frau. Issa Said selbst ist schon vor fünf Jahren von dort geflohen, zusammen mit seiner zweiten Frau und den anderen Kindern. Jede Woche bat Said seine Ex-Frau, sie möge Sifa doch zu ihm schicken und in Frieden aufwachsen lassen. Vor einer Woche gab sie schließlich nach.
Bildergalerie: Neuanfang für Geflüchtete
Flucht vor dem Terror
Seit 2017 herrscht in Cabo Delgado ein blutiger Konflikt zwischen Regierungstruppen und islamistischen Milizen. Ausgelöst wurde er nicht zuletzt dadurch, dass die Regierung Menschen von ihrem Land vertrieb, um gemeinsam mit internationalen Konzernen den Rohstoffabbau voranzutreiben – ohne dass die einheimische Bevölkerung einen Nutzen davon hatte. Wurden anfangs vor allem Industrieanlagen und staatliche Einrichtungen attackiert, griffen islamistische Milizen Anfang 2020 zum ersten Mal die Zivilbevölkerung an – auch den Küstenort, in dem Issa Said mit seiner Familie lebte. Sie enthaupteten erst den Dorfchef, dann alle, denen sie begegneten.
Issa Said war damals Fischer. Am Tag des Überfalls war er aufs Meer gefahren. Als er am späten Vormittag zurückkehrte, lagen in den Straßen überall Leichen, er erkannte Leute aus der Nachbarschaft. Panisch lief er nach Hause. Eng umschlungen kauerten dort in einer Ecke seine zweite Frau Anica und die gemeinsamen Kinder. Er packte etwas zu essen ein, dann liefen sie los, hinein in den dichten Wald, der hinter der Küste beginnt. Immer weiter, bis sie nicht mehr konnten. Aus Ästen und Blättern bauten sie einen Unterschlupf. Vier Tage lang bewegten sie sich kaum. Dann ging ihnen das Essen aus, und Said wagte sich zurück: Ihr Haus war abgebrannt, das Dorf menschenleer. Issa Said holte seine Familie aus dem Versteck, stundenlang gingen sie nach Süden. Als sie endlich eine Straße erreichten, stiegen sie in einen Minibus.
Neuanfang im Nirgendwo
Die Lage in Cabo Delgado ist seither nicht besser geworden – im Gegenteil. Deswegen ist Issa Said so froh, dass Sifa endlich bei ihm ist. Er streicht dem Mädchen über den Kopf und trägt es in sein Haus, das gleich gegenüber der Werkstatt steht. Von der Kochstelle steigen Rauchschwaden auf. Saids Frau bereitet gerade das Mittagessen: Maisbrei, Hühnchen und Spinat. Neben ihr auf dem Boden sitzen seine Mutter und drei seiner sechs Kinder. Er setzt sich dazu, Sifa auf seinem Schoß. Doch es dauert nicht lang, da springt sie herunter, läuft zu einem ihrer Brüder, packt ihn an der Nase und lacht keck. Als die Kinder in ihr Spiel versunken sind, geht Issa Said wieder hinaus zu seinen Lehrlingen.
Das erste halbe Jahr nach ihrer Flucht hatten er und seine Familie in einer Notunterkunft in Namialo verbracht, einer Stadt im Norden von Nampula, der Nachbarprovinz von Cabo Delgado. Danach wurden sie in das Umsiedlungsgebiet Corrane gebracht, einen kargen Ort im Südosten von Nampula. Dort hatte ein deutscher Unternehmer bis in die 1990er Jahre Baumwolle anbauen lassen. Nach dem Niedergang der Industrie verließ er das Land. Seitdem lag die Fläche brach – niemand traute sich, sie zu nutzen. Keine Cashew- oder Mangobäume standen dort, keine Büsche, nicht einmal die krummen Termitenhügel, die sonst überall in der Region zu sehen sind. Als Issa Said und seine Familie dort ankamen, hatten sie buchstäblich nichts mehr: kein Geld, keine Kleidung, keine Nahrung.
Für die Familie war es ein Segen, dass kurz nach ihrer Ankunft Mitarbeitende der Organisation CEDES mit finanzieller Unterstützung der Diakonie Katastrophenhilfe begannen, in Corrane einfache Häuser zu bauen. Sie fragten die Neuankömmlinge, ob sie mitarbeiten wollten, sie würden auch dafür bezahlt. Issa Said meldete sich sofort. Er musste etwas tun, um nicht zu verzweifeln. Und er brauchte Geld, um seine Familie wieder selbstständig ernähren zu können und die Angehörigen nachzuholen, die noch immer in Cabo Delgado ausharrten – allen voran seine Tochter Sifa.
Auf eigenen Füßen
Ein paar Monate, nachdem die Häuser für die Geflüchteten fertig waren, setzte die Organisation gemeinsam mit Brot für die Welt ein neues Projekt auf. Dieses Mal sollten die Menschen dabei unterstützt werden, ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern – sei es durch den Anbau von Bohnen, Mais, Sesam und Gemüse, sei es durch handwerkliche Tätigkeiten. Neben landwirtschaftlichen Weiterbildungen bietet die Organisation seitdem auch verschiedene staatlich anerkannte Ausbildungen an: zum Schneider etwa, zur Schlosserin oder zum Schreiner. Um Streitigkeiten und Neid zu vermeiden, richten sich die Angebote nicht nur an die Geflüchteten, sondern auch an die ansässige Bevölkerung. Aktuell profitieren mehr als 2.500 Menschen vom Projekt.
Da sie von seinen handwerklichen Fähigkeiten beeindruckt waren, boten die CEDES-Mitarbeitenden Issa Said an, sich zum Schreinermeister ausbilden zu lassen. Danach würde er selbst ausbilden und eigene Lehrlinge anstellen können. Issa Said sagte sofort zu. Nachdem er das Meisterzertifikat erworben hatte, baute er sich die Werkstatt gegenüber seinem Haus. Von CEDES erhielt er das nötige Werkzeug dafür. Bald fragte ihn der erste Nachbar, ob er seinem Sohn das Schreinern beibringen könne. Dann kamen weitere – auch Eingesessene. Mehr als 30 jungen Leuten hat Issa Said inzwischen das Handwerk vermittelt. Zurzeit ist seine begabteste Auszubildende Reze Albino aus Corrane, eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Als Said in die Werkstatt zurückkehrt, montiert die 26-Jährige gerade hölzerne Haken an ein geschliffenes Brett – eine Garderobe, die sie komplett selbst entworfen und gebaut hat.
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