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Covid19 in Bolivien: Steigende Gewalt gegen Frauen

In Bolivien trifft das Virus SARS-CoV-2 auf ein stark unterfinanziertes Gesundheitssystem. Viele Menschen leben in Armut und sind durch Covid-19 mehrfach bedroht. Durch Ausgangssperren nimmt auch das hohe Ausmaß an häuslicher Gewalt weiter zu.

Von Magª Martina Mathe am | Coronavirus , Aus den Projekten
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Magª Martina Mathe
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Ein Brot für die Welt-Projekt unterstützt von Gewalt betroffene Frauen in Bolivien. Im Interview berichtet die Direktorin unserer Partnerorganisation Centro Juana Azurduy (CJA), María Esther Padilla Sosa, die aktuelle Lage.

Wie ist die aktuelle Situation in Bolivien und insbesondere in La Paz aufgrund der Pandemie?
Die Situation ist sehr besorgniserregend, die Fallzahlen steigen und die medizinische Versorgung, speziell die Behandlung von Covid-PatientInnen, ist sehr prekär. Die Situation der Bevölkerung in extremer Armut ist ebenfalls besorgniserregend: Bauern, Indigene, Migranten, Hausangestellte, Straßenverkäufer und andere Berufsgruppen müssen um ihren Familienunterhalt bangen. Am 16. März begann die Teilquarantäne und ab dem 23. März 2020 die Gesamtquarantäne.

Wie gehen schutzbedürftige Personen mit der Bedrohung durch Covid-19 um?
Sie nehmen COVID-19 als doppelte Bedrohung wahr: Sie haben große Angst sich selbst anzustecken. Noch mehr Angst haben sie davor, ihren Arbeitsplatz zu verlieren oder nicht über ihr tägliches Einkommen zu verfügen, um die Ernährung ihrer Familien sicherzustellen. Dazu kommt ein weiteres ernstes Problem, mit dem Frauen konfrontiert sind, die jetzt mit ihren gewalttätigen Partnern oder Familienangehörigen in Quarantäne leben.

Wie geht es den Menschen, die bereits zuvor am Existenzminimum leben mussten jetzt?
In Anbetracht der strengen Maßnahmen zur Bekämpfung der COVID-19-Epidemie hat die bolivianische Regierung Bonuszahlungen für Familien, schwangere Frauen und Mütter, Mindestpensionsbezieher und Menschen mit Behinderungen versprochen, um in dieser schwierigen Krisenzeit zu unterstützen. Auch andere Maßnahmen wurden ergriffen, z. B. dürfen Wasser- und Stromdienstleistungen bis Mai nicht aufgrund von Nichtzahlung eingestellt werden.

Welche Unterstützung kann CJA in dieser Ausnahmesituation bieten?
Wir bieten aus der Ferne rechtliche und psychologische Unterstützung für Frauen, die unter männlicher Gewalt leiden und jetzt in Quarantäne mit ihren Angreifern leben müssen. Weiters begleiten wir weibliche Hausangestellte, um die Verletzung ihrer Arbeitsrechte zu vermeiden. Junge Unternehmer und Jugendliche unserer Ausbildungsstätte erhalten Hilfe und psychologische Betreuung. Außerdem entwickeln wir Kampagnen zur Verhinderung der Verbreitung von Covid-19 und streuen diese über digitale Plattformen und Radio Encuentro. Informationen geben wir auch zur Vorgehensweise bei Krankheitssymptomen und zu den Anforderungen für staatliche Unterstützung. Unterstützungspakete liefern wir an bedürftige junge Menschen unserer Ausbildungsstätten und an von Gewalt betroffene Frauen.

Hat sich die Situation von Gewalt gegen Frauen verändert?
Leider nimmt trotz aller Bemühungen generell die Gewalt gegen Frauen in Bolivien zu. Deren grausamste Ausdrucksformen sind Feminizide. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres kamen 27 Frauen ums Leben. Seit dem Inkrafttreten der Quarantäne bis zum 10. April gab es drei Feminizide und viele Fälle von häuslicher Gewalt gegen Frauen und Kinder.